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Dezember

 

Ausgabe 12-2014

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Liebe Leserinnen und Leser,

 

Perspektiven der Akademisierung der Pflegeerstausbildung im Hinblick auf die Etablierung der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt

In der jüngeren Zeit sind einige Studienangebote für die Pflegeerstausbildung z. B. in Form von dualen Pflegestudiengängen an Hochschulen entstanden. Als Bedarf dafür werden häufig gestiegene Anforderungen an den Pflegeberuf mit der Notwendigkeit der Professionalisierung mittels Akademisierung angeführt.

 

1 Gründe für die Implementierung primärqualifizierender Pflegestudiengänge

Vor allem der demografische Wandel mit der Zunahme älterer, multimorbider, chronisch erkrankter und pflegebedürftiger Menschen wird flankierend mit dem prognostizierten Bevölkerungsrückgang zu tief greifenden Veränderungen der Versorgungsbedarfe im Gesundheitswesen führen (Wissenschaftsrat 2012; Görres 2013). Flankierend dazu machen die Ergebnisse des medizinischen Fortschritts zukünftig eine sektorenübergreifende und interdisziplinäre Versorgung im Gesundheitswesen erforderlich. Die weiter zunehmende Spezialisierung der Gesundheitsberufe wird zu neuen Arbeitsteilungen mit der Notwendigkeit der stärkeren Kooperation und Koordination zunehmend komplexer werdender Aufgaben führen. Dies erfordert andere Qualifikationen in den Berufen der Gesundheitsversorgung (Wissenschaftsrat 2012). Immer wieder wird auf die zunehmend komplexeren Versorgungssituationen verwiesen. Diese resultieren aus der Multimorbidität und Chronizität pflegebedürftiger Menschen, den zur Behandlung und Pflege zur Verfügung stehenden Optionen und Ansätzen, die in immer kürzeren Zeiteinheiten und in Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen kooperativ und koordiniert unter dem Erfordernis eines beschleunigten Entscheidungs- und Handlungsdrucks zu bewältigen sind (Hülsken-Giesler & Korporal 2013; VPU 2014). Erwartet wird von der Akademisierung der Pflegeerstausbildung ein Beitrag zur Verbesserung der Qualität und Effizienz durch eine bessere Begründung des Pflegehandelns vor dem Hintergrund einer analytisch-konzeptionellen Herangehensweise, eine positive Veränderung des Berufsstatus der Pflege im Gesundheitswesen mit der Steigerung deren Attraktivität (Bartels et al. 2012; Hülsken-Giesler & Korporal 2013; VPU 2014). Und tatsächlich lässt sich der Zugewinn durch die Beschäftigung von Bachelorabsolventen am Patientenbett auf das Patientenoutcome z.B. im Rückgang von Mortalitätsraten chirurgischer Patientinnen in der direkten Versorgung auch empirisch nachweisen (Darmann-Finck 2012; Moers 2014; VPU 2014).

 

2 Zur Kennzeichnung erstausbildender Pflegestudiengänge

Vor diesem Hintergrund ist es zur Einrichtung primärqualifizierender klinischer Pflegestudiengänge gekommen, die mit Blick auf die jeweilig verfolgte Systematik der Integration von Studium und Ausbildung unterschieden werden. Doch weisen diese insgesamt betrachtet eine strukturelle und konzeptionelle Heterogenität auf. Diese kommt durch die unterschiedliche Verortung der Ausbildungsanteile an den beteiligten Berufsfach- oder Hochschulen und der additiv oder integrativ unterschiedlich geregelten Steuerung der Ausbildungsanteile durch die Berufsfach- oder Hochschule zum Tragen (Moers et al. 2012; Bartels et al. 2012; Elsbernd 2014). Ungeachtet dessen wird die vom Wissenschaftsrat (2012) geforderte Akademisierungsquote von 10-20 % der Gesamtauszubildenden des Pflegeberufs derzeit bei weitem nicht erreicht, wenn es auch Hinweise aus dem kürzlich publizierten Krankenhausbarometer ergibt, dass ein Akademisierungsgrad im Pflegebereich im Mittel von 1,6 % erreicht ist, der jedoch eher durch Absolventen der bereits seit längerer Zeit etablierten Studiengänge des Pflegemanagements, -wissenschaft oder -pädagogik erreicht wird (Blum et al. 2014). Diese Situation bedarf eines Konsens über die Konzeption und Abstimmung berufs- und hochschulischer Inhalte (Hülsken-Giesler & Korporal 2013), damit ein homogeneres Berufsbild ersthochschulqualifizierter Pflegender mit entsprechenden klinischen wie wissenschaftlichen Kompetenzen auch von Arbeitgeberseite aus die notwendige Akzeptanz erfährt. Gefordert ist dringend konzeptionelle Klarheit, denn dies wird es erleichtern, Absolventen im Berufsfeld passend zu platzieren und den potentiellen Arbeitgebern eine realistische Orientierung über deren Einsatzmöglichkeiten zu eröffnen.

 

3 Zu Möglichkeiten und Barrieren der Integration der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt

In der Literatur werden verschiedene Möglichkeiten der Integration der hochschulischen Pflegenden diskutiert, wie etwa die Teilung der Führung mit der Stationsleitung, der Einsatz als Pflegeexpertin oder Change Agent zur Unterstützung der traditionell qualifizierten Pflegenden am Patientenbett oder die Gleichstellung der hochschulisch mit den traditionell qualifizierten Pflegenden in der Verantwortlichkeit und im Aufgabenbereich (Andree 2013). Diese Möglichkeiten sind wiederum mit Vor- und Nachteilen verbunden. Als Barrieren werden etwa deren Verhältnis zur Stationsleitung oder Ärzten, deren Akzeptanz durch die traditionell qualifizierten Pflegenden auch in Anbetracht möglicher Kontrollängste, Konflikte im eigenen Rollenbild zwischen den divergierenden Ansprüchen von Theorie und Praxis im Berufsalltag und nicht zuletzt auch, inwiefern die Aussicht auf Gleichstellung zur Aufnahme eines Pflegestudiums motiviert, diskutiert (Andree 2013; Bartels et al. 2012). Mit Blick auf den geringeren Erfahrungshintergrund und der noch fehlenden Führungsexpertise empfiehlt Andree (2013) die Integration der akademischen Berufsanfänger als Pflegeexperten, die nach gezielter Einarbeitung als Hilfe zur Lösung komplexer Pflegesituationen empfunden werden könnten, womit Pflegepraxis pflegewissenschaftlich bereichert und entwickelt werden könnte. Zugleich würden die Absolventen nicht durch den Anspruch fertiger Expertise überfordert (Moers et al. 2012). Unbeantwortet bleibt hingegen die Frage, welche Aufstiegsmöglichkeiten berufserfahrenen akademischen Pflegenden zukünftig eröffnet werden könnten, ohne dass ihre Expertise vom Patientenbett abgezogen wird. Ein zentrales und derzeit noch ungelöstes Problem ist ferner das der Vergütung der Absolventen, indessen die Entgeltordnung des TV-L derzeit noch keine Eingruppierung für pflegebezogene Studienabschlüsse vorsieht. Eine Arbeitsgruppe der Pflegedirektorinnen der Universitätsklinken NRW (2014) legte jüngst ein Modell für den Einsatz von Pflegefachpersonen mit Hochschulabschluss im Praxisfeld der Universitätskliniken vor (VPU 2014). Darin werden die Vorteile eines qualitätssteigernden Modells aufgezeigt, das mit der zusätzlichen Einstellung von Pflegenden mit Bachelorabschluss mit einem erweiterten Aufgabenprofil einen neuen Qualifikationenmix anbietet. Diese sähe eine geringe Reduktion des Anteils traditionell qualifizierter examinierter Pflegender und eine umgestaltete Leitungsfunktion mit leicht steigenden Personalkosten vor. Erwartet wird, dass die gestiegenen Personalkosten durch eine verbesserte Qualität in der Versorgung aufgefangen wird. Die höheren Personalkosten sind also gegen die Möglichkeiten der Qualitätsverbesserung abzuwägen, wozu es weiterer Forschung bedarf. Erschwerend dürfte dabei das so genannte „uno actu-Prinzip“ sein, das besagt, dass viele Pflegeleistungen "mit der Handlung selbst bereits wieder verschwinden und zunächst unsichtbar sind" (Moers 2014: 1133).
 

Daraus ergeben sich Schlussfolgerungen, wie:

  • Die adäquate Verankerung der akademischen Erstausbildung im Pflegeberufegesetz.
  • Die einheitliche Konzeption von Studiengängen mit einem angemessenen hochschulischen Anteil und klarerem Berufsprofil.
  • In Anbetracht der finanziellen Situation vieler Krankenhäuser sind Finanzierungsmodelle zu entwickeln, die den Ertrag durch die Beschäftigung hochschulisch qualifizierter Pflegender am Patientenbett bei den entstehenden Personalkosten berücksichtigen.
  • Durch Kampagnen sollte der Tendenz entgegen gewirkt werden, dass das Prestige der akademischen Pflege mit der Nähe zur direkten Pflege sinkt.
  • Eine adäquate Vergütung der Absolventen, die deren höhere Expertise und längere Ausbildungszeit berücksichtigt.

 

 
 

Prof. Dr. Michael Schilder, Evangelische Hochschule Darmstadt, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

 
 

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