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Leitbilder in der Pflege<br> Eine Untersuchung individueller Pflegeauffassungen als Beitrag zu ihrer Präzisierung (Rezension)

Leitbilder in der Pflege
Eine Untersuchung individueller Pflegeauffassungen als Beitrag zu ihrer Präzisierung (Müller, Elke)

Verlag Hans Huber, Bern, 2001, 360 S., 1 Abb., 6 Tab., 29,95 € - ISBN 3-456-83598-1

Rezension von: Paul-Werner Schreiner

Jedes Handeln ist von Leitbildern, Ideen oder ähnlichem bestimmt; Leitbilder sind keine Naturgegebenheiten, sondern immer historisch entstanden und letztlich Ergebnis formeller oder in formeller Übereinkünfte, wobei die informellen Leitbilder vermutlich eine größere Bedeutung spielen als die formellen. Vor allem für die informellen Leitbilder gilt, dass der Handelnde sich ihrer nicht immer oder zwingend bewusst sein muss; sie werden in der beruflichen Sozialisation quasi wie berufliche Muttermilch aufgesogen. Da solche Leitbilder das Handeln allgemein und damit auch das berufliche Handeln grundlegend bestimmen, müssen diese bei dem Bemühen um eine Neubestimmung pflegerischen Handelns, das seit etwa 15 Jahren in Deutschland zu konstatieren ist, kritisch bedacht werden; ihnen kommt zudem bei der Bestimmung von Qualitätsstandards für das berufliche Handeln eine eminente Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund muss das Buch von Elke Müller, das auf ihrer an der Universität Bremen vorgelegten Dissertation basiert, jeden interessieren, der sich von der aktuellen berufspolitischen Debatte in den Pflegeberufen und der vorwiegend ökonomisch motivierten Diskussion um das Handeln der Gesundheitsberufe betroffen fühlt.

Im ersten Kapitel finden sich grundlegende Ausführungen zur Leitbildfrage, wobei es bei den Leitbildern in der Pflege zum einen um das Gegenüber von Fremdbestimmung und beruflicher Autonomie geht, zum anderen darum, welche Rolle die Tatsache spielt, dass die Pflegetätigkeit als Tätigkeit von Frauen gilt. Im zweiten Kapitel werden die Rezeption der angloamerikanischen Pflegemodelle skizziert sowie zentrale Begriffe und Positionen in der bundesdeutschen Pflegemodell-Debatte aufgegriffen. Im dritten Kapitel werden Aspekte der berufsfremd vorgenommen Einteilung pflegerischer Tätigkeit herausgearbeitet.

Im vierten Kapitel stellt die Autorin ihre Untersuchung vor, die Methode des problemzentrierten Interviews. In den Kapiteln fünf bis sieben werden die Ergebnisse referiert. Die in den Interviews mit in Bremen Pflege Studierenden deutlich werden Leitbildvorstellung gliedert die Autorin in drei Gruppen:

  • Pflege ist (auch) Beziehungsarbeit
    • Was Pflege nicht mehr sein soll, was Pflege noch nicht ist
      • Hat das noch mit Pflege zu tun? Konzeptionelle Irrtümer in der Pflege.
      Im achten Kapitel werden die Ergebnisse zusammengefasst und interpretiert. Im neunten Kapitel schließlich diskutiert die Autorin die Ergebnisse vor dem Hintergrund der Situation in Deutschland, wobei sie zum einen Versuche der Neuorientierung und der Modellentwicklung aufzeigt und noch einmal auf die Probleme bei der Übertragung angloamerikanischer Pflegemodelle eingeht, zum anderen aber auch unter der Kapitelüberschrift "Emanzipation von Fremdbestimmung und Hinwendung zu eigener Theoriebildung" einen Ausblick wagt.

      Die Arbeit von Elke Müller ist überaus lesenswert: Man erfährt viel über das in der Diskussion vielfach durcheinander gehende Verhältnis von Theorie, Leitbild und Paradigma; auch wird die beliebte Übernahme der angloamerikanischen Modelle nach Deutschland in gebührender Weise problematisiert; und die von Müller geführte Kritik an dem die berufliche Realität in der Pflege lange Zeit bestimmenden Gegenüber von Grund- und Behandlungspflege, ist wichtig. Was nun die Ergebnisse der Interviews anbelangt, kommt nicht sehr viel Überraschendes zu Tage - war vielleicht auch nicht zu erwarten. Vor allem im Hinblick auf die Relevanz, die die Ergebnisse für die berufliche Pflege in Deutschland haben könnten, drängten sich mir beim Lesen einige Fragen auf:

      • Es werden Studierende der Pflege interviewt. Diese Berufsangehörigen zählen zu denen, von denen angenommen werden darf, dass sie hinsichtlich der Probleme der beruflichen Realität der Pflegenden in Deutschland in besonderer Weise sensibilisiert sind, die aus dem Berufsalltag ausbrechen und auch nicht mehr in diesen zurückzukehren, zumindest nicht in die angestammten Tätigkeitsfelder der Pflege - dies ist unabhängig davon, ob die Betroffenen dies bewusst so abstreben, es muss davon ausgegangen werden, weil in diesen angestammten Tätigkeitsfeldern beruflicher Pflege Absolventen eines Studienganges weder gebraucht noch gewünscht sind. Wäre es nicht spannender - und vielleicht auch erkenntnisreicher - gewesen, wenn man Pflegende vor Ort, die den Frust des Alltags (noch) aushalten, interviewt hätte?
      • Die Diskussion über Fremdbestimmung versus Autonomie in der Pflege ohne Erörterung der strukturellen Problematik der Verortung der Pflegeberufe in der Gesamtheit der Gesundheitsberufe muss notwendig ein Schattenboxen bleiben, solange Pflege eine in jeder Hinsicht weisungsabhängige Tätigkeit ist; um zu erfahren, welche Bedeutung der § 4 Krankenpflegegesetz (eigenständige geplante Pflege) in der Praxis hat, muss man vielleicht wirklich in die Praxis vor Ort gehen und einmal die berufsideologischen Wunsch-Scheuklappen ablegen. Die (beliebte und weit verbreitete) Annahme, dass eine Neuverortung der Pflege dadurch erreicht werde, dass man einen wissenschaftlich begründeten Pflegebegriff entwickelt, scheint mir angesichts der mit Zuständigkeiten verbundenen Machstrukturen und Pfründen sehr naiv, und die Schaffung neuer Tätigkeitsfelder ändert noch nichts an der Realität beruflicher Pflege.
      • Wenn Pflege Studierende hinsichtlich ihrer Leitbilder befragt werden, stellt sich die Frage, wo kommen deren Leitbilder her. Elke Müller geht auf diese Frage leider weiter nicht ein. Wenn nach der historischen Herleitung von vielleicht auch übergeordneten Leitbildern gefragt würde, würde manches transparenter. Welche Rolle spielt z.B. die Tatsache, dass es eine Pflegetradition, nach der Menschen unabhängig von Gesundheitsproblemen Pflege gewährt wird, weil sie sich selbst nicht versorgen können sowie sozial und gesellschaftlich keine andere Hilfe erlangen können - die Grundidee von Diakonie und Caritas - in Amerika so eigentlich nicht gegeben hat und nicht gibt, während genau diese Tradition in Deutschland historisch eine enorme Rolle spielte und von der übergeordneten Leitidee her immer noch spielt. Könnte es nicht sein, dass den Pflegenden nicht deshalb keine Eigenständigkeit zuerkannt wird, weil sie zumindest gemäß der in Deutschland bestimmenden Traditionslinie als für etwas zuständig angesehen werden, was es in der gesellschaftlichen Werteordnung eigentlich nicht geben darf? Und ist nicht genau hier ein, wenn nicht der Brennpunkt angesprochen, der die derzeitige sozialpolitische Diskussion bestimmt - was nämlich die Verteilung von Ressourcen im Sozialbereich anbelangt - und in den die Pflegenden zentral involviert sind - auch im Hinblick darauf, dass ihnen als Berufgruppe ein eigenständiger Kompetenzbereich zugesprochen wird?.
      Die Frage nach den Leitbildern in der Pflege in der Untersuchung von Elke Müller bleibt, weil sie auf individuelle Pflegeauffassungen beschränkt bleibt und nicht nach der Herkunft dieser individuellen Pflegeauffassungen sowie nach übergeordneten Leitbildern gefragt wird, m.E. auf halber Strecke stecken. Für die Realität beruflicher Pflege in den angestammten Tätigkeitsfeldern der Pflege vermag ich, der ich in dieser Realität stehe, keine Konsequenz aus der Untersuchung von Elke Müller zu erkennen.

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