Jun 17, 2019 Last Updated 8:11 AM, Jun 17, 2019

Who was who in nursing history: KING, Imogene M. King
KING, Imogene M. King
Artikel von: Christine Auer
Erschienen in Band 7, Seite(n) 148-150.
 

Biographie

Die US-Amerikane­rin Imogene M. King wurde am 1923 in West Point, Iowa, geboren und zählt zu den US-Pflegetheo­retikerinnen der zweiten Stunde. Sie konnte sich mit ih­rem „allgemeinen Systemmodell“ und der daraus abgeleiteten „Zielerreichungstheo­rie“ bereits auf die Arbeiten vor allem von Ida Jean Orlando und Hildegard Peplau beziehen. Sie war mehrfach damit beauftragt, den Lehr­plan für ein akademisches Ausbildungspro­gramm zusammenzustellen und hatte deshalb ein starkes Interesse an der Systematisierung pflegerischen Wissens.

Im Jahr 1948 erwarb sich King an der St. Louis Universität den akademischen Grad eines „Bachelor of Nursing“, dem sie neun Jahre später, 1957, den „Master of Science in Nursing“ folgen ließ. Sie promovierte an­schließend am Lehrerkollegium der Columbia Universität in Erziehungswissenschaften, denn auch in den USA war es, entgegen an­ders lautender Gerüchte in Deutschland, nicht immer und überall einfach, in Pflegewissen­schaft („Nursing Science“) zu promovieren. Auch dort mussten in der Pflege, ähnlich wie in Deutschland, akademische Umwege ge­gangen werden. Nach der Promotion wurde King Dekanin der Schule für Pflege an der Universität Ohio (1968-1972), wo ihr allge­meines Systemmodell bereits für die Pflege­ausbildung genutzt wurde. Danach wurde sie Professorin für Pflege an der Loyola Univer­sität in Chicago (1961-1966 und 1972-1980). Hier wurde Kings Pflegemodell verpflichtend. Schließlich erhielt sie einen Ruf als Professo­rin für Pflege an die Universität von Süd-Flo­rida in Tampa. Ihre Theorie diente inzwischen an verschiedenen Einrichtungen als Grund­lage für die Organisation innerhalb des Pfle­gedienstes. Jahre danach sollten sogar die NANDA-Diagnosen mit dem allgemeinen Systemmodell in Verbindung gebracht wer­den. Vorausgegangen war Kings Konzeption der GONR (Goal-Oriented Nursing Record) zur Überprüfung pflegerischer Leistungen. Im Jahr 1981 veröffentlichte King ihr Theorie­konzept „A Theorie of Nursing - Systems, Concepts, Processes“. Im Jahr 2004 wurde sie in die Hall of Fame der American Nurses Association (ANA) aufgenommen. Sie ver­starb am 24. Dezember (Heiligabend) 2007 in St. Petersburg im US-Bundesstaat Florida im Alter von 84 Jahren.

Kings Pflegetheorie ist etwas schwierig zu erfassen, weil die Verbindungslinien zwi­schen den einzelnen Elementen sich nicht ohne weiteres erschließen. Afaf Meleis sprach gar von einem „Potpourrie“ bei King. King hat aus verschiedenen wissenschaftlichen Schulen Anleihen genommen und hat kor­rekterweise versucht, diese innerhalb ihres systemtheoretischen Ansatzes (L. v. Ber­talanffy) zu integrieren. Dies war ein hoher wissenschaftlicher Anspruch, der möglicher­weise nur teilweise geglückt ist. Aufgrund ihrer Verortung in der Systemtheorie (sie sprach von einem „allgemeinen Systemmo­dell“) hat King, so kann man dies wohl heute sagen, sich in erster Linie um die Weiterent­wicklung des Pflegeprozesses verdient ge­macht. Eine ihrer zentralen Aussagen lautet denn auch: „Der Pflegeprozess findet inner­halb eines sozialen Systems statt“. King be­zeichnete die Theorie um den Pflegeprozess als „Theorie der Zielerreichung“. Daneben waren die pflegerische Beziehung, die Kom­munikation zwischen Patienten und Pflege­kraft, das gleichberechtigte Miteinander von Patienten und Pflegekraft, für sie sehr wichtig und deshalb reicherte sie den Pflegeprozess um das Element „gemeinsam mit dem Pati­enten / Klienten Ziele setzen und erreichen“ an (zuvor lediglich: Informationssammlung, Planung, Durchführung und Evaluierung) und machte damit den Pflegeprozess zu einem Prozess der Interaktion und Transaktion, den Patient und Pflegende gemeinsam durchlau­fen und in dem sie in gemeinsame Verhand­lungen treten („nurse - client: perception, ac­tion, reaction, communication, explore means, agree to means“). Erst die Kommunikation zwischen Kranken und Pflegenden ermög­lichte in den Augen von King, Entscheidun­gen zu treffen, die zur Umsetzung einer ge­planten Pflege notwendig sind. Innerhalb des Interaktionsprozesses wurden, und hier wur­den in der Pflegetheorie von King erstmalig Patientenrechte thematisiert, den Kranken Rechte zugesprochen, so beispielsweise das Recht, über seine Krankheit aufgeklärt zu werden, das Recht auf Mitentscheidung und das Recht, Pflege zu wünschen, anzunehmen oder auch zu verweigern. Das von King als „Transaktion“ bezeichnete Element schließ­lich stand für die „bewertende Komponente der Interaktion“ und damit für die Zielerrei­chung innerhalb des Pflegeprozesses.

Die pflegerische Beziehung spielte bereits bei Hildegard Peplau eine Rolle. King konnte mit ihrem Verständnis von Pflege als einem Inter­aktionsprozess an Peplau anknüpfen, die sie sehr schätzte.

Krankenpflege wurde nach King, gemäß ih­rem systemtheoretischen Ansatz, in drei Sys­teme gegliedert, in das personale, das inter­personale und das soziale System. Diese drei Systeme zusammen machen ein Ganzes, Pflege und Kranke interagieren in allen drei Systemen miteinander, wobei im anthropolo­gischen Ansatz von King der Kranke im Zent­rum des Geschehens stand: „Im Mittelpunkt der Pflege stehen die mit ihrer Umwelt intera­gierenden Menschen. Das Ziel der Pflege be­steht darin, Individuen und Gruppen dabei zu helfen, Gesundheit zu erlangen, zu bewahren oder wiederherzustellen“, argumentierte King.

Die Pflegetheorie von Imogene M. King wurde in der Pflegewissenschaft der vormali­gen Bundesrepublik Deutschland (BRD) ver­gleichsweise breit rezipiert, wobei hier die Schwesternschule der Universität Heidelberg ab 1953 ein wichtiger Motor war. Es sind vermutlich die Parallelen zur Heidelberger Schule der anthropologischen Medizin, die Imogene M. King in der BRD populär werden ließen, wohingegen andere US-Pflegetheorien kaum rezipiert wurden. Schon ab 1953 wurde die US-Pflegetheorie von Virginia Henderson in den Gestaltkreis der Heidelberger anthro­pologischen Schule implementiert. Weitere Pflegetheorien, wie beispielsweise diejenige von Faye Glenn Abdellah und eben Imogene M. King folgten.

Wie bei Imogene King, so wurde auch in der Heidelberger anthropologischen Schule der Medizin der Mensch in den Mittelpunkt des Geschehens gestellt und die Beziehung zwi­schen Helfendem und Hilfsbedürftigem als eine zentrale Komponente des helfenden Handelns erachtet. Und so, wie in der Heidel­berger anthropologische Schule versucht wurde, den Menschen nicht mehr nur noch als „Maschine“ („L’homme machine“) zu sehen, sondern psychologische und soziale Elemente elementar in die Anthropologie einzubezie­hen, so tat dies auch Imogene M. King. Die Vorstellung der partnerschaftlichen Interak­tion zwischen Patienten / Klienten und Pfle­gekraft sowie anderen Berufsgruppen findet sich bei King genauso wie in der Heidelberger anthropologischen Schule. Kings Bezug auf die „Aktivitäten des täglichen Lebens“ (ATL) zeigt, dass die von Heinrich Schipperges be­schriebenen Regelkreise der Lebensführung, die auf die „sex res non naturales“ des Hippo­krates zurückgehen und später zu den ATL umgemünzt wurden, auch in ihre Pflegetheo­rie implementiert wurden. Spätestens seit Alexander Mitscherlich und Thure von Uex­küll begegnen uns in der Heidelberger Schule auch Elemente der Systemtheorie, die für King maßgeblich wurde. Kings Vorstellungen von Aktion und Reaktion weisen Übereinst­immungen mit Viktor von Weizsäckers Vor­stellungen vom „Gestaltkreis“ auf. All’ diese Ähnlichkeiten dürften zur vergleichsweise raschen Rezeption der Pflegetheorie von Imogene M. King innerhalb der Pflegewis­senschaft der vormaligen Bundesrepublik Deutschland beigetragen haben und dies, ob­wohl Kings allgemeines Systemmodell viele Fragen offen ließ und obwohl sie sich mög­licherweise doch etwas zu großzügig und zu unreflektiert wissenschaftlicher Ansätze der zum damaligen Zeitpunkt akzeptierten wis­senschaftlichen Disziplinen bedient hat, um als Pflegewissenschaftlerin anerkannt zu wer­den. Das Ringen von Imogene King um ethi­sche Standards hinsichtlich der Rechte von Patienten im Interaktions-Transaktions-Pfle­geprozess darf allerdings nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihre Verdienste um die Implementierung des Pflegeprozesses in die Organisation des Pflegedienstes in klinischen Einrichtungen sind unbestritten.


Literatur

Bröer, Ralf / Eckart, Wolfgang U.: Schiffbruch und Rettung der modernen Medizin. Zur Geschichte der Heidelberger anthropologischen Schule der Medi­zin. In: Ruperto Carola. Forschungsmagazin der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heft 2 / 1993, Seite 4-9.

Bertalanffy, Ludwig von: Freiheit der Persönlichkeit. Eine Vortragsreihe. Verlag Kroener. Stuttgart, 1958.

Drerup, Elisabeth: Modelle der Krankenpflege. Materi­alien zur Krankenpflegeausbildung, Band 1. Verlag Lambertus. Freiburg im Breisgau 1990.

Eckart, Wolfgang U.: Medizin in Bewegung: Richard Siebeck, Viktor von Weizsäcker und die anthropo­logische Medizin. In: KlinikTicker. Magazin des UniversitätsKlinikums Heidelberg, Ausgabe 05, November / Dezember 2011, Seite 34-35.

Fawcett, Jacqueline: Pflegemodelle im Überblick. Aus dem Amerikanischen von Irmela Erckenbrecht. Verlag Hans Huber Bern 1996.

Hontschik, Bernd / Bertram, Wulf / Geigges, Werner: Auf der Suche nach der verlorenen Kunst des Hei­lens. Bausteine der Integrierten Medizin. Verlag Schattauer, Stuttgart 2013.

King, Imogene M.: A Theory for Nursing: Systems, Concepts, Process, John Wiley&Sons Delmar, New York 1981.

Schaeffer, Doris / Moers, Martin / Steppe, Hilde / Mel­eis, Afaf: Pflegetheorien. Beispiele aus den USA. 2. ergänzte Auflage. Verlag Hans Huber, Bern 2008.

Schipperges, Heinrich: Die Regelkreise der Lebensfüh­rung. Gesundheitsbildung in Theorie und Praxis, Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 1988.

Seidler, Eduard: Geschichte der Medizin und der Krankenpflege. 6., neubearbeitete und erweiterte Auflage der „Geschichte der kranken Menschen“, Verlag W. Kohlhammer. Stuttgart, Berlin, Köln 1966.

www.pflegewiki.de/wiki/Konzeptionelle_Pflegemodelle [21. Mai 2013].

Bildquelle: Drerup, Elisabeth: Modelle der Kranken-pflege. Verlag Lambertus. Freiburg im Breisgau 1990, Seite 47.

KING, Imogene M. King

Version vom: 
2017-10-20

Zitation

Christine Auer. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Christine Auer, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 7. hpsmedia, 2017. S. 148-150

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=436

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