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Forschungswelten 2019

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Who was who in nursing history: OREM, Dorothea Elisabeth
OREM, Dorothea Elisabeth
Artikel von: Hubert Kolling
Erschienen in Band 4, Seite(n) 219-223.
 

Biographie

Die deutschsprachige Ausgabe der online erscheinenden Enzyklopädie Wikipedia listete im Jahre 2007 in der Kategorie „Pflegewissenschaftler“ 14 Personen aus dem In- und Ausland auf. Zu den dort Genannten gehört neben Sabine Bartholomeyczik, Georges Christoffel Maria Evers (1950-2003) , Virginia Henderson (1897-1996) , Liliane Juchli, Agnes Karll (1868-1927) , Monika Krohwinkel, Madeleine Leininger, Florence Nightingale (1820-1910) , Hedwig von Rittberg (1839-1896) , Nancy Roper, Ruth Schröck, Ilse Schulz und Hilde Steppe (1947-1999)  auch die US-amerikanische Krankenschwester, Pflegetheoretikerin und Unternehmerin Dorothea E. Orem. Die von ihr entwickelte Pflegetheorie der „Selbstpflege“ (self-care) erfuhr weltweit eine hohe Anerkennung und dient mittlerweile in vielen Ländern als Strukturkonzept für die Pflegepraxis und für die wissenschaftliche Aus- und Weiterbildung.

Dorothea Elisabeth Orem wurde 1914 in Baltimore (Maryland) geboren. Nachdem sie 1930 ihr Examen als Krankenschwester im Providence Hospital in Washington D.C. bei den dort tätigen Barmherzigen Schwestern aus dem Orden des heiligen Vinzenz von Paul (1581-1660)  abgelegt hatte, nahm sie an der Katholischen Universität von Amerika in Washington ein berufsbegleitendes Studium der Pflegepädagogik auf, das sie 1939 mit einem „Bachelor of Science“ in Krankenpflege und 1945 mit dem „Master of Science“ für Krankenpflegeausbildung abschloss. Von 1940 bis 1949 war Dorothea Orem als Direktorin in der Krankenpflegeschule und in der Pflegeabteilung des Providence Hospital in Detroit tätig. Danach arbeitete sie mehrere Jahre als Beraterin der Gesundheitsbehörde im Bundesstaat Indiana, wobei sie insbesondere das Ziel verfolgte, die Qualität der Pflege zu verbessern. In den Jahren von 1958 bis 1960 arbeitete sie im Gesundheitsministerium von Washington an einem Projekt zur Verbesserung der praktischen Krankenpflegeausbildung, wobei sie 1959 die „Guidelines for developing curricula for the education of practical nurses“ (Ratschläge zur Curriculumentwicklung in der Krankenpflegeausbildung) veröffentlichte.

Noch im selben Jahr (1959) erhielt Dorothea Orem einen Ruf als Assistenzprofessorin (assistent professor) für Pflegewissenschaften an der Katholischen Universität von Amerika in Washington, wo sie später nicht nur eine Anstellung auf Lebenszeit (associate professor) erhielt, sondern im pflegewissenschaftlichen Fachbereich auch geschäftsführende Dekanin (acting dean) wurde. Seit ihrer Karriere als Hochschullehrerin entwickelte und erprobte sie auch ihre Theorie der Selbstpflege, die sie 1971 in dem Buch „Nursing. Concepts of practice“ (Pflege: Konzepte für die Praxis) publizierte. Der Band erschien 1980 in zweiter, 1985 in dritter und 1991 in vierter Auflage; 2001 veröffentlichte der Verlag Hans Huber unter dem Titel „Dorothea Orem. Selbstpflege- und Selbstpflegedefizit-Theorie“ eine deutsche Übersetzung. Bei der Entwicklung ihres Modells orientierte sie sich an folgenden Fragen: „Was tun Pflegekräfte, und was sollten sie als die Ausübenden der Pflege tun?“, „Warum tun Pflegekräfte, was sie tun?“ und „Was ist das Ergebnis ihres Tuns?“

Orem gründete ihr Modell auf der Annahme, dass jeder Mensch sich selbst pflegen kann und will. Hierbei geht sie von einer ganzheitlichen Vorstellung des Menschen aus, die physische, psychische, soziale und spirituelle Aspekte umfasst. Unter „Selbstpflege“ versteht Dorothea Orem die freiwillige Produktion und Ausübung von Handlungen, die auf die eigene Person oder die eigene Umgebung gerichtet sind, um die eigene Funktion und Entwicklung zu regulieren und um Leben, Gesundheit und Wohlbefinden anzustreben. Selbstpflege ist die Gesamtheit aller Handlungen um für sich selbst sorgen zu können. Gesundheit bestand für sie, wenn Selbstpflegebedarf und Selbstpflegefähigkeiten sich im Gleichgewicht befinden.

Nach Dorothea Orem bilden die folgenden 8 Aktivitäten die Grundlage der universellen Selbstpflege: 1. eine ausreichende Zufuhr von Luft, 2. eine ausreichende Zufuhr von Wasser, 3. eine ausreichende Zufuhr von Nahrung, 4. Vorkehrungen im Zusammenhang mit Ausscheidungsprozessen und Ausscheidungen, 5. der Erhalt eines Gleichgewichts wischen Aktivität und Ruhe, 6. der Erhalt eines Gleichgewichts zwischen Alleinsein und sozialer Integration, 7. die Abwendung von Gefahren fürs Leben, menschliche Funktionsfähigkeit und menschliches Wohlbefinden, 8. die Förderung der menschlichen Funktionsfähigkeit und Entwicklung innerhalb sozialer Gruppen in Einklang mit den menschlichen Fähigkeiten, Grenzen und dem Wunsch nach Normalität. Dies sind grundlegende Aufgaben, die jede Person selbst bewältigen können muss, um zur Selbstpflege in der Lage zu sein. Darüber hinaus klassifiziert sie entwicklungsbedingte Selbstpflegeerfordernisse, die durch das jeweilige Entwicklungsstadium eines Menschen bestimmt werden.

Ein Selbstpflegedefizit liegt nach Orem dann vor, wenn ein Ungleichgewicht (ein Missverhältnis) zwischen der Selbstpflegekompetenz und dem situativen Selbstbedarf aufgrund von bestehenden Einschränkungen vorliegt. Die Einschränkungen beziehen sich auf: Verstehensfähigkeit, die Urteilungs- und Entscheidungsfähigkeit und auf zielgerichtete Handlungen, die in der produktiven Phase der Selbstpflege eintreten. Das kann durch eine Veränderung der Lebenssituation mit Einschränkung der Selbstpflegefähigkeit oder geänderten Selbstpflegeerfordernissen vorkommen. Wenn dieses Selbstpflegedefizt nicht von dem Betroffenen selbst oder seiner Bezugsperson kompensiert werden kann, dann ist die professionelle Pflege notwendig. Dorothea Orem führt dabei genau auf, welche zusätzlichen Anforderungen an einen Menschen gestellt werden der krank, verletzt oder behindert ist, oder sich in medizinischer Behandlung befindet. Erst wenn auch nach Mobilisierung der eigenen Ressourcen die Fähigkeit zur Selbstpflege nicht ausreicht, wird Hilfe von außen nötig. Orem weist auch darauf hin, dass es Situationen gibt, in denen Menschen einander pflegen, ohne dass daran professionelle Pflege beteiligt ist, zum Beispiel Eltern oder Angehörige bei Kindern oder älteren Menschen. Erst wenn die Unterstützung durch Eltern oder Verwandte nicht ausreicht, sei professionelle pflegerische Betreuung durch eine Pflegeperson nötig. Die Aufgabe der Pflegeperson sei vor allem, die Selbstpflege der Patienten zu erhalten.

In ihrem Pflegemodell, das in der deutschen Pflegeliteratur vornehmlich für den Bereich der rehabilitativen Krankenpflege und Kinderkrankenpflege rezipiert wird, unterscheidet Dorothea Orem drei Handlungssysteme, die sie den Pflegenden an die Hand gibt, um eine auf den Patienten und seine individuellen Selbstpflegefähigkeiten abgestimmte Unterstützung zu leisten: 1. das gänzlich kompensatorische Pflegesystem, in dem die Pflegekraft die Maßnahmen stellvertretend für den Patienten ausführt, 2. das partiell kompensatorische Pflegesystem, in dem sich die Pflege gemäß den eigenen Fähigkeiten des Patienten aus den direkten Handlungen zurückzieht und 3. das unterstüzend- entwicklungsfördernde oder edukative Pflegesystem, in dem sich die Pflegekraft auf den Bereich der Beratung und Anleitung konzentriert.

Die von Dorothea Orem geprägten pflegespezifischen Begriffe wurden zuerst von der Pflegewissenschaftlerin Karin Wittneben ins Deutsche übertragen und 1987 in einem Seminar im Studiengang „Weiterbildung für Lehrpersonen an Schulen des Gesundheitswesens“ an der Universität Osnabrück einer kleinen Öffentlichkeit vorgetragen, 1991 dann im Rahmen ihrer Dissertation „Pflegekonzepte in der Weiterbildung zur Pflegelehrkraft“ veröffentlicht. Die Autorin hält dabei treffend fest: „Eine – wie von Orem entwickelte – kognitive und normative Pflegetheorie, hierzulande noch weitgehend ein utopisches Konstrukt, aber doch schon ‚vorliegend’, hat insofern bereits Realitätsgehalt, als es Konstituens einer zukünftigen rationalen pflegerischen Kultur werden kann“ (S. 138).

Bereits 1970 war Dorothea Orem aus dem pflegewissenschaftlichen Fachbereich der Katholischen Universität von Amerika in Washington wieder ausgeschieden und hatte eine eigene Beratungsfirma für Krankenpflege und Krankenpflegeausbildung (Orem & Shields, Inc.) in Chevy Chase im Bundesstaat Maryland gegründet. Orem, die 1984 in den Ruhestand ging, erhielt mehrere Ehrendoktortitel und zahlreiche Auszeichnungen; 1997 wurde sie mit dem Sigma Theta Tau Founders Award für ihr Lebenswerk geehrt. Dorothea Elisabeth Orem starb am 22. Juni 2007 in ihrem Haus in Savannah kurz vor ihrem 93. Geburtstag.

Seit 2003 wird an der Johns Hopkins Universität das so genannte Orem-Archiv aufgebaut. Dieses Projekt wird von der SEA Foundation finanziell gefördert und dient der wissenschaftlichen Archivierung aller Materialien, die im Zusammenhang mit der Entwicklung der Selbstpflegedefizit-Theorie stehen.


Literatur

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Bildquelle: www.colvir.net/.../images/orem.jpg.

OREM, Dorothea Elisabeth

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Hubert Kolling. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Hubert Kolling, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 219-223

Onlinezitation

 
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care/whowaswhodetail.php?id=211

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