Jun 17, 2019 Last Updated 8:11 AM, Jun 17, 2019

Who was who in nursing history: BOHLKEN, Gisela
BOHLKEN, Gisela
Artikel von: Karin Wittneben
Erschienen in Band 4, Seite(n) 42-44.
 

Biographie

Gisela Bohlken war wie Cornelie Hoetzsch (1879-1945) , Regine Köhler (1888-1970) , Luise von Oertzen (1897-1965)  und Ilse von Troschke (1905-1999)  eine der Vorsitzenden bzw. Präsidentinnen des „Verbandes der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz“ im 20. Jahrhundert. Der erste Vorsitzende im 19. Jahrhundert war ein Jurist, der Geheime Regierungsrat und Landesbankrat Rudolf Osius (1847-1924)  aus Kassel.

Gisela Bohlken wurde am 28. Februar 1921 geboren und trat 1941 in die „Bremische Schwesternschaft vom Roten Kreuz e.V.“ ein, die zum Zeitpunkt ihres Eintritts „Hansesche Schwesternschaft“ hieß. Sie gehörte ihrer Schwesternschaft 63 Jahre bis zu ihrem Tod am 18. Oktober 2004 an.

Als Gisela Bohlken 1941 während des Zweiten Weltkrieges in die Hansesche Schwesternschaft eintrat, bestand diese bereits 65 Jahre und hatte ihr Reglement und ihre Rituale ausgeformt, die zudem in der NS-Zeit weltanschaulich überformt wurden. Während des Zweiten Weltkrieges erreichten die Rotkreuzschwesternschaften ihren Höchststand. 1941 wurden 70, 1943 bereits 73 Schwesternschaften registriert, deren Anzahl inzwischen durch Flucht und Vertreibung, Zusammenlegungen und Auflösungen im Laufe von über sechs Jahrzehnten auf 34 zurückgegangen ist. Von 73 Schwesternschaften aus der Kriegszeit waren in der Nachkriegszeit 49 übrig geblieben.

Die Ausbildung dauerte zu G. Bohlkens Schülerinnenzeit in der Hanseschen Schwesternschaft wie überall eineinhalb Jahre und war unentgeltlich. Um die Erlaubnis zur berufsmäßigen Ausübung der Krankenpflege zu erlangen, musste zusätzlich ein Jahr praktischer Arbeit im Krankenhaus abgeleistet werden. Nach der staatlichen Prüfung arbeitete sie zwölf Jahre in den Städtischen Krankenanstalten Bremen, war dann Unterrichts- und Oberschwester und schließlich nach drei Jahrzehnten Schwesternleben ab 1971 Oberin der Bremischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz. Von allen bremischen Schwesternschaftsoberinnen hat Gisela Bohlken dieses Amt die kürzeste Zeit wahrgenommen. Schon am 29. November 1972 wurde sie auf der Mitgliederversammlung des Verbandes der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz zur Präsidentin des Verbandes gewählt. In der Nachfolge von Ilse von Troschke trat sie ihr neues Amt im Februar 1974 an und bekleidete es bis 1989. Ihre Amtszeit war noch nicht von einer Aufbruchstimmung in den Rotkreuzschwesternschaften durchweht. Gisela Bohlken war eine Konservative, eine Bewahrerin der Schwesternschaftstraditionen, in denen sie selbst ihre Sozialisation und Erziehung erhalten hatte.

Berufspolitische Macht konnte sie über die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schwesternverbände“ (ADS) geltend machen, deren Vorsitz ihr mit der Wahl zur Präsidentin des Verbandes der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz zugefallen war. Ihre Auffassung von Pflege war schlicht und herkömmlich. Als Generaloberin eines interkonfessionell orientierten Verbandes begriff sie Krankenpflege, wie schon die Begründer des Vereins zur Ausbildung von Krankenpflegerinnen, als christlich fundiert, d.h., die Krankenschwester sollte vor allem Zeit haben bzw. sich Zeit nehmen für die Nöte ihrer Patienten und Patientinnen. Fortschritte in der Krankenpflege wurden aus den Fortschritten der Medizin hergeleitet. 1974 gehörte sie zu Wort führenden Oberinnen, die gegen eine Eingliederung der Krankenpflegeausbildung in das Berufsbildungssystem und eine damit verbundene Akademisierung der Pflegelehrerinnenbildung erfolgreich opponierten. Die Pflegelehrerinnenbildung in Deutschland wurde erst 2004 durch Gesetz akademisiert. Zudem zeigen sich jetzt sogar Ansätze einer akademischen Erstausbildung, wenn auch noch nicht gesetzlich geregelt, in den entstehenden Studiengängen, die, wie im Ausland seit langem üblich, zum Grad des „Bachelor of Nursing“ führen. Gisela Bohlken ließ jedoch gleich zu Beginn ihrer Amtszeit als Generaloberin wissen, „dass die Krankenpflege kein Experimentierfeld sein darf“ (zit. n. Schmidt-Meinecke 1982, S. 58). Unter dem Druck der Traditionsbürde vermochte sie nicht eine Vision einer neuen Krankenpflege hervorzubringen. Sie war keine Fragerin und keine Sucherin. Antworten lagen für sie schwesterntraditionsgemäß auf der Hand.

Persönliche Höhepunkte in Ihrer Laufbahn dürften 1978 die Feier zum 75-jährigen Bestehen der Werner-Schule, der ehemaligen so genannten Schwesternhochschule vom Deutschen Roten Kreuz, sowie 1982 das hundertjährige Bestehen des Verbandes der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz gewesen sein. Für ihre Verdienste um das Rote Kreuz wurde sie 1985 mit der Florence-Nightingale-Medaille gewürdigt. Am 12. April 1989 verabschiedete der Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz in Bonn seine damalige Präsidentin, Generaloberin Gisela Bohlken. Ihre Nachfolgerin wurde Anne Seibold aus der Alice-Schwesternschaft in Mainz. In Rotkreuzkreisen wird Gisela Bohlken als zielstrebig, ausgeglichen, hilfsbereit, heiter und geduldig eingeschätzt. Ausgeglichen und freundlich wirkte sie auch auf Rotkreuz-Außenstehende. Es waren wahrscheinlich diese Eigenschaften und ihre langjährige Berufserfahrung, die sie vordergründig für ein hohes Führungsamt als geeignet erschienen ließen.

Sie starb zu einem Zeitpunkt, als sich die Gesundheits- und Krankenpflege jenseits von herkömmlichen Schwesternschaftsgewohnheiten zu überfälligen Veränderungen auf den Weg machte. Als hohe Schwesternschaftsfunktionärin mit einer ansehnlichen Machtfülle ausgestattet, hat sie diese mit politischer Kompetenz zum Erhalt von konservativen Schwesternschaftsinteressen und zum Nachteil einer professionellen Gesamtentwicklung des Pflegeberufs eingesetzt. In der „Rotkreuzschwester“, der Verbandszeitschrift, veröffentlichte die Bremische Schwesternschaft vom Roten Kreuz im März 2005 einen kurzen, matten Nachruf auf Gisela Bohlken.


Literatur

Bohlken, Gisela: Geleitwort. In: Schmidt-Meinecke, Sigrid: 75 Jahre Weiterbildung für Schwestern im Deutschen Roten Kreuz 1903-1978. Speyer 1878.

Bohlken, Gisela: Geleitwort. In: Schmidt-Meinecke, Sigrid: Hundert Jahre Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz 1882-1982. Bonn 1982.

Bremische Schwesternschaft vom RK e.V.: Wertschätzung für andere. Am 18. Oktober 2004 verstarb im 84. Lebensjahr Generaloberin i. R. Gisela Bohlken in Bremen. Die Rotkreuzschwester, 2005, Heft 2, Seite 6.

Hinderlich, Horst, Dieter Leuthold, Petra Mevius, Gerhard Reuß: Das Rote Kreuz Krankenhaus Bremen schreibt Geschichte 1999. Vom Vereinskrankenhaus zur Qualitätsklinik 1876-2001. Hauschild. Bremen 1999.

Hinze, Kirsten: Die Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz. Themenjournal, Beilage der Rotkreuz-Zeitung, 1989, Heft 11, Seite 21-22.

Hoetzsch, Cornelie: Schwestern vom Roten Kreuz. In: Deutsches Rotes Kreuz (Hrsg.): Hilfswille und Hilfswerk des Roten Kreuzes in Deutschland. Eder. München 1928, Seite 60-62.

Hoetzsch, Cornelie: Frauenarbeit unter dem Roten Kreuz. In: Schmidt-Beil, Ada (Hrsg.): Die Kultur der Frau. Eine Lebenssymphonie der Frau des XX. Jahrhunderts. Verlag für Kultur und Wissenschaft. Berlin 1931, Seite 317-322.

Neue Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Schwesternverbände (ADS). In: Caritas-Schwester, 1989, Heft 2, Seite 22.

Oberinnen-Vereinigung im Deutschen Roten Kreuz (Hrsg.): Der Ruf der Stunde. Schwestern unter dem Roten Kreuz. Kohlhammer. Stuttgart 1963.

Osius, Rudolf: Unterrichtsstunden für die Schwestern vom Roten Kreuz. Siering. Kassel 1912.

Riesenberger, Dieter: Das Deutsche Rote Kreuz. Eine Geschichte 1864-1990. Schöningh. Paderborn, München, Wien, Zürich 2002.

Schmidt-Meinecke, Sigrid: 75 Jahre Weiterbildung für Schwestern im Deutschen Roten Kreuz 1903-1978. Speyer 1978.

Schmidt-Meinecke, Sigrid: Hundert Jahre Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz 1882-1992. Hrsg. vom Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz. Bonn 1982.

Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz e.V.: Neue Präsidentin der Rotkreuz-Schwestern. Deutsche Krankenpflegezeitschrift, 42. Jg., 1989, Heft 6, Seite 409.

Verband der Schwesternschaften vom Deutschen Roten Kreuz e.V. (Hrsg.): Rotkreuzschwestern. Die Pflegeprofis. Menschlichkeit – die Idee lebt. Olms. Hildesheim, Zürich, New York 2007.

www.drk-schwesternschaften.de [21. März 2005].

Bildquelle: Die Rotkreuzschwester 2005, Heft 2 (März-Mai), Seite 6.

BOHLKEN, Gisela

Version vom: 
2012-01-20

Zitation

Karin Wittneben. (Hrsg.): 

Kolling, H., Beitrag von Karin Wittneben, in: Biographisches Lexikon zur Pflegegeschichte. Who was who in Nursing history. Band 4. hpsmedia, 2012. S. 42-44

Onlinezitation

 
Permalink:
www.hpsmedia.info/
care/whowaswhodetail.php?id=144

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